avant garde
1
Potsdamer Straße
[ Tiergarten ]
Berlin - Februar 2012
business life
2
Moritzplatz
[ Kreuzberg ]
Berlin - März 2012
tradition
3
Auf der Uhlenhorst
[ Uhlenhorst ]
Hamburg - März 2012
zeitgeist
4
Langstrasse
[ Hard ]
Zürich - April 2012
Tradition
5
Clarastrasse
[ Kleinbasel ]
Basel - Mai 2012
avant garde
6
Holz- und Fabrikhafen
[ Walle ]
Bremen - August 2012
business life
7
Financial District
 
Shanghai - November 2012
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                                                                    INTERVIEW: Andreas Murkudis

                                                                    Text: Miriam Rauh Bild: Michael Hölzl © 2011

                                                                    AM, PM, ON and OFF

                                                                    Text: Miriam Rauh

                                                                    Andreas Murkudis betreibt in Berlin einen weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannten Concept Store für luxuriöse Bekleidung, Möbel und Accessoires. “Ich verkaufe nur, was ich selbst schön finde,” sagt er, und weist darauf hin, dass es zu jedem Stück eine Geschichte gibt. Sein Stil wird von Künstlern, Galeristen, Geschäftsleuten, Werbern, Schauspielern und Bürgerlichen hochgeschätzt.

                                                                    Bei Murkudis einkaufen zu gehen ist immer auch ein Erlebnis, selbst für verwöhnte Individualisten, der Großteil

                                                                    seines Angebots ist exklusiv. Wer sich in Berlin nach einem Paar Schuhe von Maison Martin Margiela sehnt, nach einem Kleid von Dries van Noten oder etwa nach einem Mantel von Haltbar, muss zu Murkudis. An ihm führt kein Weg vorbei, ob in Mitte oder Tiergarten Süd.

                                                                    Die Kunden kommen, obwohl er längst nicht mehr zwischen Hackeschem Markt und Alexanderplatz residiert, sondern sich einen Off-Ort gesucht hat, zwischen Woolworth, Drogenstrich und Ateliers. Der Loyalität seiner Stammkundschaft hat der Umzug nicht geschadet (obwohl so mancher das

                                                                    Bild: Michael Hölzl © 2011

                                                                    vorab bekundete). Im Gegenteil, sagt er, der Umsatz sei nach dem Ortswechsel sogar gestiegen. Wer zu Andreas Murkudis geht, weiss was er erwarten darf. Also nimmt man auch den ungewohnten Weg in Kauf, man schätzt die hohe Qualität sowie das Wissen, das Andreas Murkudis über die Dinge hat.

                                                                    Die Potsdamer Strasse ist ein schwieriger Ort. Eine Transitstrecke vom leuchtenden BlingBling des neuen Ostens zur patinierten Grandezza der alten City West. Zwischen Potsdamer Platz und Kurfürstendamm bewegt man sich vorbei an prachtvollen Gebäuden und leerstehenden Räumen, immer im Fluß auf dem Weg nach anderswo, von Nord nach Süd oder von West nach Ost. Lange gab es keinen Grund, hier anzuhalten. Das

                                                                    Wintergarten Varieté hatte geschlossen, der Tagesspiegel zog an den Askanischen Platz. Wo früher Einzelhandel war ist heute Import-Export oder zu.

                                                                    Zurückgekommen sind die Künstler. Auf der Flucht vor hohen Preisen verlassen sie Mitte und Prenzlauer Berg, bevölkern Beletage und Hinterhof. Und was sie vorfinden gefällt. Wenn man ein bisschen wischt am Staub der neuen Zeit, entdeckt man Spuren alten Glanzes. Das ehemalige Atelier von Anton von Werner, die früheren Verlagsgebäude von Rowohlt und Fischer, die Galerie von Herwarth Walden, dem Herausgeber der Zeitschrift des Expressionismus Der Sturm, die glanzvollen Villen der Gründerzeit, versteckt hinter einem Tor in Richtung desKanals - die

                                                                    Bild: Michael Hölzl © 2011

                                                                    Gebäude rund um die Potsdamer Strasse, sie alle erzählen eine Geschichte. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Andreas Murkudis gekommen ist. Und bleibt. Auch wenn er sich bereits ein neues Ziel gesetzt hat. Bereits 2013 will er an einen weiteren, eigentlich unmöglichen Ort ziehen: das Bikini Haus am Bahnhof Zoo.

                                                                    # Sie haben mit Ihrem Concept Store den Standort Mitte aufgegeben und sind in die Potsdamer Strasse gezogen. Was finden Sie hier, was Ihnen Mitte nicht (mehr) bieten kann?
                                                                    Mehr Platz und mehr Ruhe. Mitte ist zu touristisch und hat an Niveau verloren. Zum größten Teil sind die Dinge, die wir verkaufen, erklärungsbedürftig. Die

                                                                    Ruhe, zu erklären, war in Mitte nicht mehr gegeben. Es war schon vor zwei Jahren klar, dass man den Standort wechseln muss. Ich bin auf die Suche gegangen und habe das hier gefunden.

                                                                    Die Potsdamer Strasse ist mehr Mitte als die, in der ich vorher war. Sie ist auf halbem Weg zwischen Charlottenburg und Potsdamer Platz, etwas ab vom Schuss. Hier gibt es Parkplätze, was in Mitte ein Problem war. Die Leute, die hierher kommen, kommen explizit zu uns und wer kommt bringt Zeit mit, auch weil der Aufwand sonst in keinem Verhältnis steht.

                                                                    Es kommen mehr Kunden alsfrüher, besonders aus dem Westteil. Für sie ist der Weg nicht soweit und es ist

                                                                    Bild: Michael Hölzl © 2011

                                                                    attraktiver für sie, mit dem Auto zu uns zu fahren. Wir haben auch kundenfreundlichere Öffnungszeiten, das wird wahrgenommen. Und wir haben eine Fläche, die doppelt so groß ist, wie vorher. Der Schiesser Laden und der Acne Laden sind geblieben, die passen in das Umfeld der Münzstrasse besser.

                                                                    #Haben Sie ein anderes Sortiment in Tiergarten-Süd?
                                                                    Nein, das einzige was dazu gekommen ist, ist Celine. Wir haben das, was wir hatten, noch mal in der Breite eingekauft. Ich bleibe gern beidem, was ich mache.

                                                                    # WelchesPublikum sprechen Sie an?
                                                                    Die Sachen, die es hier gibt, gibt es mit wenigen Ausnahmen in Berlin nur bei uns. Neben Stammkunden kommen Kunden aus dem Westteil und auch aus

                                                                    den umliegenden Hotels, die über uns z.B. in der AD gelesen haben. Es sind alles Leute, die an der Qualität interessiert sind.

                                                                    Es gibt ein Publikum, das an Dingen interessiert ist, die man personalisieren kann, die einen Absender haben. Man kann zu allem eine Geschichte erzählen, wer diese Dinge macht, aus welchen Materialien sie bestehen. Die Leute finden gut, wenn es Menschen gibt, die etwas mit Leidenschaft machen und Dinge tun, die eigentlich anachronistisch sind. Wenn sich z.B eine Raphaela Hermes mit einfachen Mitteln Techniken aneignet wie das Weben mit alten Lochkarten - wenn es solche Leute nicht mehr gäbe, würde es ziemlich langweilig. Es würden auch Arbeitsplätze vernichtet. Wenn alle kleinen Betriebe das Handtuch werfen, werden wir von

                                                                    Bild: Michael Hölzl © 2011

                                                                    Billig- und Luxusfirmen regiert. Dabei sind die Luxusprodukte meist auch nur Industriewaren.

                                                                    # Sie sind mutig. Die Potsdamer Straße war lange eine als schwierig verrufene Umgebung.
                                                                    Das ist sie immer noch, mit Prostitution und Billigläden. Wir wollen aber nicht, dass sich die Struktur sehr verändert, es ist für die Leute hier schon so problematisch genug.

                                                                    # Wie ist Ihre Prognose für die Entwicklung der Potsdamer Strasse?
                                                                    Vielleicht kommt ein bisschen mehr Gastronomie, aber ich glaube nicht, dass sich viele Läden andocken. Alle die hier sind, leben von den Leuten, die sie schon kennen. Auf Laufkundschaft angewiesen zu sein, funktioniert an der Potsdamer Strasse nicht. 80 Prozent

                                                                    unserer Verkäufe gehen über Stammkunden.

                                                                    # In einem Interview haben Sie davon gesprochen, zum “Opfer der eigenen Arbeit” zu werden. Was ist damit gemeint?
                                                                    Die Leute, die in Mitte begonnen haben, haben den Bezirk erst attraktiv gemacht und das hat dazu geführt, dass die Mieten so gestiegen sind. Es gibt Leute die sagen, wir seien selber Schuld. Sind wir ja auch.

                                                                    Es kommen immer Nachahmer und die Sensibilität für den Bezirk ist bei vielen nicht gegeben. Ich bin aber nicht gegangen, weil ich die Miete in Mitte nicht mehr zahlen wollte. Die Miete zahle ich noch und die Räume stehen leer.

                                                                    # Was machen Sie damit?
                                                                    Weiss ich noch nicht.

                                                                    Bild: Michael Hölzl © 2011

                                                                    # Was gefällt Ihnen am "Alten Westen"? Mitte war ein leerer Ort, den man bespielen konnte, hier müssen Sie sich mit Bestand auseinandersetzen, auch belastendem.
                                                                    Ausschlaggebend war der Raum. Er hat einfach gute Proportionen. Er ist riesig, dabei aber nicht furchteinflössend und kühl. Solche Flächen wie hier findet man in Mitte nicht. Der Bezirk Mitte ist von der Struktur her kleinteilige Flächen gewöhnt.

                                                                    Ich habemir nie wirklich Gedanken gemacht, ob der Ortswechsel gefährlich ist. Natürlich war ein Risiko da und wenn es nicht funktioniert hätte, wäre es dramatisch geworden. Hinter mir steckt kein reicher Papa und keine Bank. Ich habe einen Laden mit dem Gewinn aus dem anderen finanziert und alles Stück für Stück aufgebaut. In diesem Raum hier steckt mein ganzes

                                                                    Geld. Aber das ist bei mir so. Ich glaube entweder an Dinge oder eben nicht. Und bis jetzt habe ich mich nicht getäuscht.

                                                                    Soviel über Berlin geredet wird und welcher Bezirk gerade am Kommen ist: In vielen Bezirken möchte man gar nicht sein. In Tiergarten z.B. findet man normale Leute, auch Filmleute, Architekten, Galeristen. Eine interessante Mischung. Es ist auch ein bisschen eine vergessene Lage. Hier ist man im Nowhere. Dieser Abschnitt ist unattraktiv. Auf den Gehwegen ist nichts los, aber es gibt viel Verkehr, man will von A nach B kommen, eine Transitstrecke.

                                                                    Bild: Michael Hölzl © 2011

                                                                    # Ist es einfacher, eine Gegend wieder zum Leben zu erwecken, wenn dort schon mal etwas war?
                                                                    Für mich ist wichtig, dass ein Ort gut ist und dass man ihn so attraktiv gestalten kann, dass andere Leute kommen. Komplett neu aufzumachen, ohne vorher einen Laden gehabt zu haben, hätte hier nicht funktioniert. Das ist zu risikoreich. Wenn man nicht eine bestimmte Stammkundschaft hat und in einer Gegend wie hier etwas aufmachen will, ist man verloren.

                                                                    # Es heisst, Sie würden bereits 2013 in das Bikini Haus ziehen. Geben Sie den Standort Potsdamer Strasse wieder auf?
                                                                    In das Bikini Haus zu gehen, ist mein Plan. Der Standort Potsdamer Strasse bleibt.

                                                                    # Der Zoo ist ja noch so eine schwierige Ecke.
                                                                    Stimmt, aber sie entwickelt sich. Es ist auch eine interessante Gegend. Das Bikini Haus selber ist z.B. ein schöner Komplex, es wird gerade nach Denkmalschutzrichtlinien renoviert. In der Nähe entsteht das Waldorf Astoria, Apple zieht an den Ku’damm, Chipperfield baut das Ku’Damm Karree um. Die Stadt hat zwei Attraktionen: Berlin Mitte, jung, preiswert, innovativ und den alten Ku’damm, der gerade wieder aufrüstet.

                                                                    An Attraktivität verlieren wird die Friedrichstrasse. Sie hat es nicht geschafft, eine Identität zu kreieren, die Mischung ist zu groß. Die größeren Luxusfirmen reagieren darauf, Hermès ist weggezogen, Louis Vuitton und Gucci gehen. Sie versuchen, ihre Attraktivität am Ku’damm zu erhöhen.

                                                                    Bild: Michael Hölzl © 2011

                                                                    Man entscheidet sich momentan zwischen Ku’damm und Mitte. Die Pole verstärken sich, andere Standorte werden schwächer.

                                                                    # Warum gehen diese Läden an den Ku’damm, bekommen sie dort günstigere Konditionen?
                                                                    Nein, gar nicht. Sie zahlen Mieten von ca. 200,-€/qm. Die Läden reagieren einfach auf Tendenzen. Sie betrachten, was gerade wo passiert, wer weggeht und wohin er zieht. Wenn z.B. Prada

                                                                    und Bottega die Friedrichstrasse verlassen, weiss man, dass dieser Standort nicht mehr funktioniert, es scheint nicht der Ort zu sein, wo die Umsätze gemacht werden. Sehen Sie sich an, wie sehr z.B. das KaDeWe derzeit floriert. Das Attraktive am Bikini Haus ist, dass es ein gut gedachtes Konzept, eine Welt für sich ist. Man kann den ganzen Tag auf dem Gelände verbringen und es bleibt interessant.

                                                                    AM STORE | Potsdamer Strasse 81 E 10785 Berlin | Montag - Samstag 10:00 – 20:00 Uhr
                                                                    Bild: Michael Hölzl © 2011